Republikanischer Club - neues Österreich

NESTBESCHMUTZER ?
von Doron Rabinovici

DIE GESCHICHTE DES WALDHEIM - HOLZPFERDES
von Kuno Knöbl

 

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NESTBESCHMUTZER ?

Protest, Konfrontation und Institution - ein Blick zurück nach vorn
von Doron Rabinovici für den Republikanischen Club (verfaßt 1990)
Gemeinsame Empörung gegen politischen Antisemitismus, Geschichtslosigkeit und provinziellen Chauvinismus einte den "Republikanischen Club - Neues Österreich". Aus spontanem Protest enstand vor nunmehr vier Jahren eine heterogene Bewegung.

Mit Einzelaktionen und Straßendiskussionen betrieben wir provokative Aufklärung. Mit der Mahnwache für den österreichischen Widerstand auf dem Stephansplatz, mit sonntäglichen Protestzusammenkünften, die an die angelsächsische Tradition des Hydepark-Corners erinnerten, mit dem Hrdlicka-Pferd, gegen die Ausritte österreichischer Politiker gallopierend, mit der Großkundgebung am 12. März 1988, geriet der Republikanische Club zum Symbol für ein "Anderes Österreich".
Wen wundert’s? Zweitweise fiel uns ein nicht angestrebtes Monopol zu: entschieden auftreten zu müssen gegen antidemokratische Tendenzen. Nicht aber bange Angst um Österreichs Ruf formte die Gruppe. Nicht um die Politik der Imagepolitur, nicht um die Verpackung, sondern um den Inhalt ging es uns. Die Abscheu vor heimischen Urlauten und das Schweigen der Mehrheit ließen uns unsere Stimmen erheben.
Die Affäre-Waldheim war nur Anlaß, nicht Ursache unserer Auseinandersetzung. Waldheim war bloß ein Symbol, war nicht das eigentliche Problem, sondern dessen unappetitliches Symptom.
In Dokumentationen und Symposien suchten wir die österreichische Realität zu analysieren und zu erkennen, ohne sie als letzte Notwendigkeit, als eherne Naturgesetzlichkeit, anerkennen zu wollen.
Die Suche nach historischen Wurzeln gegenwärtiger Realität, diente nicht der Ablenkung von anderen politischen Fragestellungen. Im Gegenteil: nicht nur der vergangenen Verbrechen wegen erfolgte in Österreich das Verschweigen und Verleugnen der Geschichte, sondern um den Status quo, die Gegenwart in ihrer historischen Kontinuität, einzuzementieren. Unsere Auseinandersetzung zielt gegen eine Politik, die sich auf vergangene Zeiten zurückbesinnen möchten, ohne sich ihrer erinnern zu wollen. Fragen der "Identität" Österreichs, das offiziell ein Land der Geschichte, aber frei von Vergangenheit sein will, wurde gestellt. Das Aufbranden der neuen Welle von Ausländerangst und unverschämten Rassismus ist Oberflächenerscheinung einer tiefen, sozialen Umwälzung.
Die Affären rund um Taras Borodajkewycz, Friedrich Peter, Friedhelm Frischenschlager, Kurt Waldheim, Michael Graff und Josef Ratzenböck sind Meilensteine ein und derselben Entwicklung: der Kettenreaktion österreichischer Selbstdemaskierung. Der Republikanische Club ist deren Abspaltprodukt; ist Kristallisationskern einer neuen politischen Polarität, die nach inhaltlicher Auseinandersetzung strebt.
Wir sind keine Partei und wollen auch keine werden. Kein abgeschlossenes Weltbild zeichnet den Republikanischen Club aus. Es ist nicht unser Auftrag, die Antworten auf alle Fragen zu präsentieren. Wir wollen uns aber dafür einsetzen, daß jede Frage offen gestellt werden kann.
Viele beklagen den Niedergang der "politischen Kultur". Wir streben ein Ambiente der Vielfalt und der Heterogenität an: es geht um eine Kultur des Streites.
Seit 1989 hat der Republikanische Club auch Anschrift und Adresse: unser Club-Lokal etablierte sich zum Fokus kritischer Öffentlichkeit und hitziger Debatten: abend für abend.
Hier versuchen wir die - in Österreich so tiefsitzende - Sehnsucht nach Harmonie und faulen Kompromissen aufzubrechen. Wir wollen inhaltlich Trennendes über vermeintlich Gemeinsames stellen.
Es geht nicht um die Bestätigung vorgefertigter Urteile. Die Diskussionen zwingen zur kritischen Selbstanalyse: der Republikanische Club bricht mit dem konventionellen, "hilflosen" Antifaschismus, der in Ritualen steckenbleibt. Das Scheitern emanzipatorischer Experimente, die Dialektik der Aufklärung, die Ästhetik des Widerstands; das sind Themen, die uns berühren.
Wenn aber öffentlicher Diskurs aus Machtinteressen blockiert wird, wenn kritischen Fragen mit Repression und ausgrenzender Diskriminierung begegnet wird, wird der aufklärerische Diskurs in Aktion und Artikulation umschlagen. Als Salman Rushdie der Mord angedroht wird, veranstaltet der Republikanische Club die erste öffentliche Lesung der "satanischen Verse" in Österreich. Als das Zita-Begräbnis im Jubiläumsjahr der Französichen Revolution zur makabren Prozession des autoritären Untertanentums und zur nostalgischen Auferstehung aller Kapuzinergruftis gerät, feiern wir die Ideale der Freiheit mit einem republikanischen Leichenschmaus. Wenn jene, denen "nichts zu heiß ist", wieder zündeln, wenn wieder Feuer am Dach ist, dann müssen wir erneut der Feuerwehr gleich auffahren. Dann wird aus dem Diskursforum eine Arena der Artikulation, eine radikaldemokratische Plattform der Aktion werden.
Der Republikanische Club hat den eigenen Anlaßfall überlebt. Die spontane Bewegung formte sich zur Institution, ohne auf ihre ursprüngliche Mobilität verzichten zu wollen. Das dem Club beigeordnete "Café Hebenstreit", von lateinamerikanischen Flüchtlingen geführt, sorgt für kulinarische und soziale Rekreation nach leidenschaftlichen Debatten.
Spezialprobleme, Dauerbrenner, die einer kontinuierlichen Auseinandersetzung bedürfen, werden in Arbeitskreisen behandelt.
Der Republikanische Club - Neues Österreich ist ein urbaner Ort der Begegnung, der inhaltlichen Diskussion und Brennpunkt kritischen Potentials geworden.
"Die Veralltäglichung des Charismas"
Der Club ist immer noch "work in progress". Mit Lokal, Café und Büro sind nicht nur Oprotest und Bewegung zur Institution angewachesen - sondern auch unsere administrativen und finanziellen Nöte und Probleme. Um unabhängig agieren zu können, setzen wir auf Erweiterung unseres Unterstützerkreises. Aktive Mitarbeit und materielle Hilfe sind äußerst erwünscht.


DIE GESCHICHTE DES WALDHEIM - HOLZPFERDES
von Kuno KNÖBL

(Mitbegründer des Republikanischen Clubs -Neues Österreich)

Fred Sinowatz, Bundeskanzler der Republik Österreich mußte im Frühling 1986 feststellen, dass eine Debatte über Kurt Waldheims verfälschte Biographie abgelehnt wurde. Jede Nachfrage galt als Nestbeschmutzung. In einer Pressekonferenz erklärte Sinowatz deshalb: "Ich stelle fest, dass Kurt Waldheim nie bei der SA war, sondern nur sein Pferd." In den Wochen zuvor hatte die Öffentlichkeit, teils durch das Magazin profil, teils durch den World Jewish Congress, Dokumente und Fotos über den Präsidentschaftskandidaten der Volkspartei, Kurt Waldheim erhalten.

Waldheim in aristokratischer Manier hoch zu Ross, ein Herrenreiter, ein anderes: Waldheim, hoch gewachsen aber dezent im Hintergrund mit dem österreichischen General Pfleps und dem italienischen Kommandeur der "Putsevia" - Division, den Pustertalern in Jugoslawien.
… und dann der "provisorische" - Lebenslauf des Lebensläufers Waldheim für seine Bewerbung zum höchsten Amt im Staate.
1943 stand da zu lesen - war er verwundet in Wien und schrieb seine Dissertation, 1944 promovierte er zum Doktor der Rechte - ? - Da war er doch in Arsacli, oberhalb von Saloniki, 3 c der Heeresgruppe E - Löhr, die den Balkan, Griechenland besetzt hatte, Nachrichtenoffizier, direkt unterstellt dem Geheimdienstchef der Heeresgruppe E,  Oberst Warnsdorf. Und: 1944 waren doch mehr als 75.000 Juden aus Saloniki direkt in die Todeslager verfrachtet worden.
Arscali liegt über Saloniki, mit herrlichem Blick auf die Stadt….

Die Paraphen Waldheim: "Für die Richtigkeit" und sein flinkes "W". Ein flottes "W", ein glattes "W", ein geübtes, vielfach gebrauchtes, all die "W"s unter den Berichten des Nachrichtendienstes … und ein "W", der Bericht über den Abtransport von "Partisanen" und ein "W", der Säuberung einer Insel und ein "W". Ein diensteifriges "W". Immer wieder und immer wieder: "W" wie Waldheim … für die Richtigkeit …man sah den Offizier, den Oberleutnant Waldheim hinter seinem Schreibtisch sitzen… konnte sich vorstellen, dass er nicht einmal seine Mütze abnahm (es sei denn die Dienstvorschrift hätte es geboten) mit schlanken, blassen, dürren, langen Fingern, die "W" unter die Geheimberichte setzen … und nun, 1985 hatte er davon nichts gewusst? Wovon wusste er überhaupt, der "W" - dem "Die Welt vertraut", wie auf seinen Wahlplakaten zu lesen stand. Immerhin war er UN-Generalsekretär gewesen, man machte schließlich Karriere, wusste es sich zu richten… die Zeit heilt doch alle Wunden … oder nicht? Nur jene mit dem "W" nicht.

Der "Republikanischer Club –Neues Österreich" wurde gegründet. Sein erstes Ziel: Wir - in Österreich hätten die Aufgabe, die Vergangenheit aufzuhellen, wir selbst, wir in Österreich, unsere Vergangenheit, von der wir kaum mehr zu wissen hatten, dass es einen gewissen Hitler (auch Österreicher) und eine Befreiung gegeben hatte, 1945 durch die Alliierten, 1955 von den Alliierten … Nazi? KZ? Pogrom? Vernichtung? Eichmann? Kaltenbrunner? (beide auch Österreicher) … na ja …
Friedrich Peter? SS? … und der Dr. Höchtl, rechte Hand Kaltenbrunners in der "Alpenfestung", hatte er nicht die 1. private Mittelschule in Österreich?
Die Sammlung der Dokumente  über Waldheim war nicht leicht. Das "National Archive in Washington" hatte zwar viel, aber sie waren schwer zugänglich. Der Jüdische Weltkongress sammelte selbst und publizierte die ersten Papiere.

Kurz Waldheim korrigierte zum 1. Mal seinen "provisorischen" Lebenslauf.

Man suchte in unendlichen Debatten Möglichkeiten der Publikation, der Aufklärung…

Kurt Waldheim korrigierte zum 2. Mal seinen "provisorischen" Lebenslauf.

Im März 1986 schrieb ich das Stück: "Der Herr Dr. Kurt" eine Paraphrase auf den "Herrn Karl". Es sollte im kleinen Volkstheater, im Konzerthaus aufgeführt werden. Mit Paul Blaha, dem Direktor des Volkstheaters hatte ich einen Termin. Im Direktionszimmer saßen zur Besprechung eines anderen Stücks Peter Turrini und Alfred Hrdlicka. Wir sprachen über das Stück, dann über den Herrenreiter. Ich sprach davon, dem Herrenreiter ein Pferd zu geben. Alfred Hrdlicka saß da und skizzierte mit rotem Stift ein Holzpferd, ein trojanisches, aus seinem Bauch sollten die Gespenster der Vergangenheit kriechen …
Man einigte sich, das Holzpferd nach der Skizze Hrdlickas zu bauen zu lassen. Auf dem Holzpferd ist zu lesen: produziert von der Gruppe "Neues Österreich".
Paul Blaha nannte eine Bühnenwerkstatt, die dabei behilflich war.
Nach 14 Tagen, Waldheim hatte seinen 3. korrigierten Lebenslauf der Öffentlichkeit vorgelegt, auf seinen Plakaten prangte ein gelbes Dreieck "jetzt erst recht" …war das Pferd fertig.  Mein Sohn, einige Freunde und ich holten es mit meinem LKW ab. Für 14 Uhr hatte die Gruppe Neues Österreich eine Demonstration am Stephansplatz angemeldet. Über die Seilerstätte, die Singerstraße erreichten wir den Platz, das Pferd war verhüllt mit Leintüchern. Um 14.30 Uhr stand es enthüllt, groß, neu, frisch auf der Ladeflache des LKW, ca 6 m hoch über den Passanten - auf dem Kopf eine SA Kappe, die Manfred Deix gemalt hatte, um den Zitat Fred Sinowatz zu folgen. Mikrophone, Ordner, Freunde, Menschen … Rosa Jochmann war eine der ersten Redner… vor 5.000 Menschen, eine Stunde später waren es 10.000 und als "Ö3" über das wundersame Geschehen berichtete , war der Graben, die Kärntner Straße voll mit Zusehern und Zuhörern.

Wenig später: das Holzpferd stand bei der Staatsoper, vis a vis der VP-Zentrale. Texte von Peter Handke, Elfriede Jelinek wurden verlesen, Doron Rabinovici, Peter Kreisky, Silvio Lehmann sprachen. Grußadressen von Turrini, Erich Fried … der damalige  Generalsekretär der VP Graff winkte lachend aus der VP Zentrale … wenig später musste er zurücktreten, wegen Waldheim, den er mit blutiger Juristenlogik ("Erst, wenn man ihm nachweisen kann, dass  er 7 Juden eigenhändig erwürgt hat, ist er ein Kriegsverbrecher.") in der Sicherheit seines Advokatenfells verteidigt hatte, ohne zu ahnen, welche schaurige Wahrheit, welche grausige Wirklichkeit sich hinter seinen Worten verbarg.

Waldheim wurde gewählt. Mit Vorsprung zu seinem Gegenkandidaten.
Österreich hatte genau jenen Präsidenten, den es verdiente. Das Ausland - also alles, was Österreich nichts anging, nichts kümmerte, nichts scherte, reagierte nicht sehr amüsiert - auch nach dem 8. Lebenslauf, den der Herr Dr. Kurt veröffentlicht hatte und alle Fehler der anderen Fassungen als "Vergesslichkeit" oder "Flüchtigkeit" oder "Opfer der Zeit" erklärte.

Von "einem Mann, dem die Welt vertraut" war keine Rede.
Elfriede Jelinek war da und ließ ihren Text von einer Freundin verlesen.
Die großen internationalen Kontakte des Herrn Kurt lösten sich auf, wie Wolken, wie Urin im Rosenbeet. Aber man blieb sich treu und Waldheims erster Staatsbesuch, galt einem der kleinsten, ja dem kleinsten Staat der Welt, dem Vatikan. Mit dem Papst himself würde er sich treffen und sprechen.
Die Maturaklasse meines Sohnes beschloss als Maturareise Waldheim gemeinsam mit Aktivisten der Gruppe "Neues Österreich" nach Rom zu begleiten - mit dem Holzpferd. Man fuhr vorbei an erstaunlich freundlichen Zollbeamten nach Rom. Der Vatikan verbot das Errichten des Pferdes auf seinem souveränen Boden. Er hatte genug andere Standbilder. Das Pferd wurde auf der "Piazza Navona" aufgebaut. Die Weltpresse berichtete mehr über diese Aktion, als den Besuch des Präsidenten beim Papst.

Zweite Reise von Dr. Kurt: Salzburg, Festspiele, Kultur, Jedermann.
Das Pferd reiste mit, stand am Domplatz und statt "Mozartkugeln" wurden "Waldheimäpfel" von seinem Pferd verteilt. Nette, runde Dinger, mit dem grinsenden Abbild des Herrn Bundespräsidenten…

Der Republikanische Club -Neues Österreich hatte geplant, Waldheim in alle Welt zu jedem Besuch zu begleiten. So lag es nahe, dass er auch in die USA reisen wollte.
Die Reise erübrigte sich. Waldheim kam auf die "watchlist", erhielt Einreiseverbot in die USA, weil er falsche Personaldaten auf seinen Papieren - auch als UN Generalsekretär - angegeben hatte. Auf der "watchlist" steht Waldheim noch immer.

Dafür flimmerte das Pferd über die Bildschirme von ABC, BBC, CNN, das Stück "Der Herr Dr. Kurt" wurde von diesen TV-Stationen angekauft, Helmuth Schmidt, der Darsteller Waldheims las es stilgerecht in "broken english" und Helfer trugen es immer wieder vorbei - in der (damals) denkmalgeschützten ältesten Biedermaierfabrik "Fischapark".

Der Herr Kurt blieb in den Verliesen der Hofburg - als sein eigener Gefangener. Er forderte eine "Objektivierung" seiner Geschichte. Eine internationale Historikerkommission wurde eingesetzt, um ein "Weißbuch" zu verfassen. Nach einem Jahr war es so weit, Waldheim aber war nicht zufrieden und verlangte drohend entsprechende Korrekturen … fast eine Staatskrise um den dürren Mann mit der Seele aus Papier.

Tatsächlich übernahm der Nachfolger von Sinowatz, Franz Vranitzky neben seinen Aufgaben als Kanzler auch den Job des Bundespräsidenten. Er reiste nach Israel und verkündete vor der Knesset die Schuld von Österreichern an den Gräueltaten des Nazi-Regimes. Es war die erste offizielle Entschuldigung nach Jahrzehnten.

Das Pferd erlebte dies - zerlegt, als ständiges Objekt, Kunstwerk in den Räumen des "Republikanischen Clubs -Neues Österreich" in Wien, in der Rockhgasse 1. Es war der zivilen, demokratischen, republikanischen Gesellschaft vorangetrabt, die damals begann. Spät genug, aber doch. Immerhin.

 

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