Republikanischer Club - neues Österreich

 


VON DER KUNST DER NESTBESCHMUTZUNG -
Dokumente gegen Ressentiment und Rassismus seit 1986

Brigitte LEHMANN, Doron RABINOVICI, Sibylle SUMMER (Hg) 
ISBN 978-3-85409-496-8
 

Die Auseinandersetzung rund um Kurt Waldheim markierte einen Wendepunkt in Österreich. Was vor mehr als zwanzig Jahren das Land umtrieb, wirkt bis heute weiter. Über den damaligen Wahlkampf, über die antisemitischen Töne, über die verschiedenen Anschuldigungen, über den einstigen Bundespräsidenten mag immer noch kein Konsens erzielt worden sein, aber unstrittig ist die Bedeutung jenes Jahres 1986 als Zäsur. Der Mythos, Österreich sei nichts als das erste Opfer Hitlers gewesen, wurde obsolet. Die österreichische Beteiligung am Nationalsozialismus und seinen Verbrechen wurde erörtert.
Mit Jörg Haider trat ein neuer chauvinistischer Populismus zutage, der die politische Kultur nachhaltig verändert hat. Wenn entblößt wird, dass H.C. Strache an rechtsextremen Wehrsportübungen beteiligt war, dann handelt es sich hierbei nicht um Überholtes.
Die entzweite Republik wurde zum Ursprung zivilgesellschaftlicher Bewegung.
Dieser Sammelband zeichnet jene Kämpfe nach, die immer noch nicht ausgefochten sind. Ins Zentrum des Blicks gerät dabei der Republikanische Club – Neues Österreich, der damals entstanden ist und zu einem Fokus für neue zivilgesellschaftliche Bewegungen wurde. Dabei kommen neue, teils unbekannte Aspekte zum Vorschein. Das Themenspektrum des Engagements – sowie der hier präsentierten Beiträge – reicht weit über die Betrachtung und Einschätzung der vergangenen, zeithistorischen Geschehnisse hinaus.

Mit Beiträgen von Brigitte Bailer-Galanda, Di-Tutu Bukasa, Isolde Charim, Eva Dité, Johanna Dohnal, Alexander Emanuely, Hagen Fleischer, Elfriede Jelinek, Udo Jesionek, Robert Knight, Kuno Knöbl, Peter Kreisky, Ferdinand Lacina, Silvio Lehmann, Sophie Lillie, Ariel Muzicant, Doron Rabinovici, Kurt Rothschild, Heide Schmidt, Renata Schmidtkunz, Mary Steinhauser, Sibylle Summer, Heidemarie Uhl, Andreas Wabl, Martin Wassermair.

 


 

 

Beitrag von Alexander EMANUELY

"DIE GEDICHTETE REVOLUTION DES FRANZ HEBENSTREIT"

Leseprobe aus dem Sammelband "Von der Kunst der Nestbeschmutzung".

 

 

  Was geschah am 8. Januar 1795, was heute noch von Belangen sein könnte? Eine Hinrichtung in einem Land, in dem die Todesstrafe an sich seit rund 10 Jahren aufgehoben war. Das Land war Österreich und 100.000 schaulustige Wiener strömten an diesem eiskalten Tag vor ihre Stadt, um am Schottentor den schönen Galgen zu sehen. Also ein juristischer Sondertag samt Strangulation, dieser 8. Januar 1795. Wahrscheinlich sehen das die Kuratoren des Wiener Kriminalmuseums so, denn sie stellen den Totenkopf – der schon ganz schwarz ist – des damals Hingerichteten als Schaustück auf rotem Samt und hinter Vitrine aus. Der Hingerichtete war der Platzoberleutnant Franz Hebenstreit von Streitenfeld. Dieser soll an einer revolutionären Konspiration gegen den Kaiser beteiligt gewesen sein, zumindest hieß und heißt es so. Dafür musste er schlussendlich auch hängen. Und obwohl das Leben des Franz Hebenstreit und das seiner Freunde, welche alle samt in Kerkern landeten, einiges über die sonderbare Geschichte Österreichs erzählt, erinnert sich seiner niemand, fast niemand.

Zumindest jene Menschen, die Ende der 80er Jahre des XX. Jahrhunderts einen passenden Namen für das Caféhaus des Republikanischen Clubs – Neues Österreich in der Rockhgasse gesucht haben, dürften mit dem Ermordeten des 8. Januar 1795 etwas anzufangen gewusst haben. Denn auch bei Hebenstreit und seinen Freunden war es um einen Klub gegangen, zumindest wurden sie in der damaligen Presse als „Klubisten“, bzw. als „Klubistenbandl“ bezeichnet. Auch sie hatten was mit republikanischen Ideen am Hut, und auch sie traten für ein neues, ein anderes Österreich ein. Und Hebenstreit? Seine politische Rolle hätte ihm in Paris ein Ehrengrab im Panthéon oder in Washington eine Büste im Kapitol eingebracht. Die Chancen, dass er in einer der beiden Städte seinen Lebensabend hätte verbringen können, standen gar nicht so schlecht. Doch ist das Leben des 47 Jahre alt gewordenen Hebenstreit viel spannender und viel interessanter als diese Spekulationen.

Franz Hebenstreit kommt in Prag zur Welt, am 26. November 1747. Sein Vater ist seit einem Jahr Professor an der Karlsuniversität. Hebenstreit hat neun Geschwister, von denen die überlebenden Buben Wissenschafter und die überlebenden Mädchen Nonnen werden. Wohl mangelt es an Mitgift, wird das ganze Geld scheinbar alleine für die Studien der Söhne ausgegeben. Mit 16 studiert Hebenstreit in Prag „die Humanioren (Geistes- und Sprachwissenschaften, AE), die Philosophie, das Natur-, bürgerliche und kanonische Recht“. Danach geht er nach Wien, wo er die „Vorlesungen des Herrn von Sonnenfels“ und solche der Medizin besucht. Dann reitet ihn plötzlich – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Pferd und er wird kein Gelehrter, sondern 1768 ein Ulan. In fünf Jahren schafft er es gerade einmal zum Korporal, was ihn – eigenen Aussagen zufolge – ziemlich frustriert. Mit seinen Sprachkenntnissen, seinen Studien, seinem interdisziplinären Wissen soll er gerade einmal etwas mehr wert sein in der Militärhierarchie als ein einfacher Soldat? Und der hohe Adel? Je besser der Name klingt, umso höher ist die Charge, aber von Können nicht unbedingt eine Spur. Ist damals seine „antiaristokratische“ Gesinnung entstanden? Hebenstreit beschließt jedenfalls mit 26 Jahren zu desertieren und nach Amerika auszuwandern, wo es diversen Berichten zufolge brodelt, wo es keinen Adel, wo es eine neue Welt gibt.

Doch kaum verlässt er die Grenze, wird er trotz gefälschter Pässe von den Preußen zwangsrekrutiert und muss fünf Jahre im Fouquéschen Regiment ausharren, bevor er wieder desertiert, nach Österreich zurückkehrt – inzwischen ist Krieg zwischen Österreich und Preußen – und zu den Dragonern kommt. Bei soviel Desertionen fühlt man sich jedenfalls leicht an Barry Lyndon erinnert.

Doch Franz Hebenstreit will keinen rasanten Aufstieg zu Ruhm und Reichtum, wie Thackereys Romanheld. Wann bei Hebenstreit der Sozialutopist, der radikale Demokrat und Aufklärer zu Tage tritt, bleibt etwas unklar. Doch kursieren zu seinen Studienzeiten schon genug Schriften an den Universitäten, wie jene von Rousseau, Voltaire, Morelly, Mably, Meslier, die von einer neuen Gesellschaft ohne Gott und Adel, ohne Besitz und Neid sprechen. Und nicht zu vergessen, einer seiner Professoren ist eine Koryphäe der österreichischen Aufklärung: Joseph von Sonnenfels.

1782 verlässt Hebenstreit die Armee, um wieder zu studieren, diesmal bei Professor Wolstein, Gründer und Direktor der Veterinärhochschule in Wien. Trotz Empfehlung des Direktors wird er jedoch nicht als ordentlicher Student aufgenommen. Vier Jahre wird Hebenstreit nun in Wien Studien betreiben, Gesellschaft pflegen, Nachhilfelehrer sein. Es war der Beginn der Glanzzeit des Josephinismus, der Beginn des Tauwetters, wie es Leslie Brodi nennt. Es gab eine bis dato undenkbare Pressefreiheit, welche Publikationsfluten zur Folge hatte. Man bekam in Wien an jeder Straßenecke Schriften, die sonst in fast ganz Europa verboten waren.

Vielleicht ist es zu dieser Zeit, in der Franz Hebenstreit Freimauer wird und zwar in der Loge „Zu den drey Adlern“. Vielleicht bringt ihn Wolstein dazu oder gar schon Sonnenfels oder vielleicht ein Studienkollege oder ein Militär, der von diesem gebildeten und sich weiterbildenden Mann angetan ist. Auf jeden Fall gehörte im josephinischen Wien die Mitgliedschaft zum Bund zum guten Ton unter sich als modern empfindenden Menschen. Manchen Gerüchten zu Folge gehört Hebenstreit jenem Flügel der Freimaurerei um Sonnenfels und Ignaz von Born an, der die radikalste Auffassung der Aufklärung vertritt, den Illuminaten. Doch dazu gibt es kaum haltbare Dokumente, erfanden doch die Peiniger der Aufklärung, jene Polizeispitzel, die Hebenstreit knapp zehn Jahre später an den Galgen bringen sollten, solche Mitgliedschaften, um die Gefährlichkeit ihrer Opfer zu betonen.

Im Sommer 1786 geht Hebenstreit wieder zurück zur Armee und macht schnell eine bescheidene Karriere als Stabsunteroffizier, bis er schließlich 1791 als Platzoberleutnant nach Wien kommt. Nun beginnt die wohl nachhaltigste Zeit im politischen Leben des immer rebellischer werdenden Offiziers. Seit seinem letzten Aufenthalt hatte sich in Wien viel verändert. Die Freimaurerlogen waren nicht, wie es sich Born gewünscht hatte, Akademien der Wissenschaft geworden, sondern nach dessen Abgang vor allem eine Spielwiese für Polizeispitzel und Mystiker. Hebenstreit fühlt sich dort, wie viele seiner Brüder, nicht mehr wohl und sucht nach neuen Möglichkeiten, auf Gleichgesinnte zu stoßen. Auch war inzwischen Kaiser Joseph gestorben und sein Bruder Leopold verfolgte eine Politik, die wohl niemand so richtig verstand. Leopold war zuvor über 10 Jahre Großherzog der Toskana gewesen und hatte dort Reformen verwirklicht, die selbst dem französischen Revolutionsführer Mirabeau Respekt abverlangt hatten, wie die Abschaffung der Armee, die Abschaffung der Gilden, die Abschaffung vieler Adelsprivilegien und mehr. Auch war die Toskana das erste Land der bekannten Welt gewesen, in dem es keine Todesstrafe mehr gab. Aber in Wien angekommen, verfolgte Leopold eine zweischneidige Politik, führte einerseits die Zensur wieder ein, gestand dem Klerus und dem Adel wieder einige Privilegien zu, perfektionierte den Polizeistaat und hatte andererseits, als engsten Berater und Freund einen radikalen Demokraten wie Andreas Riedel an seiner Seite, den er anhielt, ihm gemeinsam mit Sonnenfels eine Verfassung für eine konstitutionelle Monarchie zu schreiben. Dieser Andreas Riedel spielt in Hebenstreits Leben ab sofort eine besonders wichtige Rolle, denn in Riedel findet Hebenstreit endlich einen Gleichgesinnten. Andreas Riedels Wohnung in der Schwertgasse 3 ist ein politischer Salon, ein „Demokratenzirkel“, ein Klub, von dem aus bis 1792 auch ein wenig in die Tagespolitik eingegriffen werden kann. Über Kajetan Gilowsky, den er von der Armee kennt, bekommt Hebenstreit Zutritt zu diesem Kreis.

Doch dann starb Leopold und dessen Sohn, Kaiser Franz verfolgte eine Politik, welche den Dichter Johann Alxinger in einem Brief an den Philosophen Wieland schreiben ließ: „Hier erlauben sie mir zur Beantwortung der Frage überzugehen, was sich die Wissenschaft zu versprechen habe. Hass und Verfolgung.“ Politische Gestaltungsmöglichkeiten gibt es keine mehr, der neue Kaiser will nichts von einem Riedel wissen. Dafür ist nun Platz für politische „Schwärmereien“ und Hebenstreit ist mit seinen Ideen und seiner „Donnerstimmer“ der wohl radikalste und lauteste Schwärmer. Er macht zuerst einmal mit dem 542 Zeilen langen, politischen Lehrgedicht auf Latein Homo Hominibus – Der Mensch unter den Menschen auf sich aufmerksam, welches folgendermaßen beginnt:

„Religio, leges, judices… Religion, Gesetz und Richter, Belohnung und Strafe, – all das besteht, / aber das Böse nimmt zu; wo also liegt der Ursprung des Lasters?“ Noch in der wohl schlimmsten Phase seines Lebens, im Gefängnis, zweieinhalb Jahre nachdem er seine 542 Zeilen geschrieben hat, wird Hebenstreit folgende Worte zur Aussage bringen: „In meinen öfteren Betrachtungen fand ich, dass der Neid in seinem ausgedehnten Verstande die Hauptquelle aller Laster sei, auf der anderen Seite, dass von dem Krieg zum Prozesse, vom Prozesse zum Raub und zur Plünderei keinen anderen Grund als das Mein und Dein habe. […]  Dagegen in einer Gesellschaft, worinnen all Natur- und Kunstprodukte nach jedem Bedürfnis gemeinnützig sind, folglich der Erwerb sowie der Genuss gemeinschaftlich, in einer solchen Gesellschaft ist jedes Laster unmöglich.“ Hebenstreits zentrale These ist, dass der Grund allen Übels, allen Lasters das Eigentum sei. Andreas Riedel ist von Hebenstreits Arbeit begeistert und vergleicht ihn mit den griechischen Philosophen, mit William Penn und spricht euphorisch von „Hebenstreitismus oder Kommunismus“. Riedel lässt Hebenstreit sogar vom Hofmaler Johann Georg Weikert porträtieren und hängt das Bild in seinen Salon. Endlich einer, der so wie er selbst zu den Sansculottes, zur großen Masse der Armen und Ausgebeuteten, um deren Glück sich doch alles drehen sollte, hält! Doch nicht alle in Riedels Gruppe sind so von Hebenstreit begeistert. Für den Dichter und Magistratsbeamten Martin Prandstätter ist Hebenstreit ein „brutaler Mann“, für den Offizier Billeck ein „hitziger Kopf und großer Lärmer“. Wohl mögen diese beiden Anhänger des Josephinismus den antimonarchistischen Republikaner Hebenstreit und seine allzu umstürzlerischen Ideen nicht.

Vielleicht kann man sich die Zeit zwischen dem Sommer 1792, als Hebenstreit seine 500 Zeilen auf Latein verfasst und dem Sommer 1794, als die Verhaftungswelle gegen die „Verschwörer“ um Riedel beginnt, so vorstellen: Rund 5 bis 10 Leute treffen sich in einer Wohnung, diskutieren die politischen Ereignisse ihrer Zeit, ärgern sich vor allem darüber, dass der neue Staatskanzler Thugut im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem alten Kaunitz, den Krieg mit dem revolutionären Frankreich forciert und überlegen sich, was sie dagegen tun können. Riedel nützt seine letzten Kontakte bei Hof aus, in der Hoffnung wenigsten irgendetwas bewegen zu können. Doch bewegt er nichts. Inzwischen brechen Hungersnöte aus, nicht wenige österreichische Soldaten laufen zu den Franzosen über und französische Kriegsgefangene werden in Wien mit großer Neugierde und Sympathie von der Bevölkerung empfangen. Man kauft ihnen sogar die Knöpfe der Uniformen ab, weil auf ihnen der Leitspruch der Revolution steht: Liberté, Égalité, Fraternité. Der Kreis um Riedel wird größer, man zählt rund 30 Sympathisanten aus allen Ständen, bis hin in die Steiermark, nach Innsbruck und nach Klagenfurt. Auch in Ungarn bilden sich ähnlich Gruppen. Man hegt Hoffnung, dass die innenpolitischen Verhältnisse, vor allem die massive Unzufriedenheit den Hof dazu bringen, vom Krieg abzukommen. Und hilft ein wenig nach, indem man das Gerücht von einer ganz Deutschland und Ungarn erfassenden, revolutionären Verschwörung in die Welt setzt, die nur durch die allgemeine Kriegsmüdigkeit genährt wird. Da in dieser Welt überall Polizeispitzel herum schwirren, liegt es nahe, dass jenes Gerücht bald die Politik beeinflussen wird. Man kann auch von Manipulation sprechen, denn bis auf jene, die das Gerücht einer Revolution in den österreichischen Landen in die Welt setzen, weiß niemand davon.

Und weiter noch soll diese Inszenierung, diese Manipulation reichen, damit die Staatsmacht nicht nur aus politischen Salons beängstigende Nachrichten bekommt. So dichten Gilowsky und Hebenstreit aufrührerische Gedichte in Wiener Mundart und bringen sie vertont unter die Leute. Und gerne werden diese etwas rabiaten Lieder in den Wirtshäusern aufgenommen. Hebenstreits Eipeldauerlied ist wohl das berühmteste, den „Trager, Schiffleut, Hauer, Den, der’s Holz hackt, der D’Kohlen brennt, den Handwerksgselllen“ gewidmet, denen ganz revolutionär geraten wird: „Drum schlagt’s d’Hundleut alle todt, Nit langsam wie’d Franzosen Sonst machen’s enk no tausend Noth S’ist nimmer auf sie z’losen“

 

 

 

Fast alle Angeklagten werden somit von regulären Gerichten abgeurteilt, nur Hebenstreit und Gilowsky als Militärangehörige nicht. Noch bevor das Todesurteil über Hebenstreit und Gilowsky ausgesprochen werden kann, bringt sich zweiterer in seiner Zelle um. Trotzdem wird in Folge das Urteil vollstreckt und Gilowsksys Leichnam an einem Galgen am Stubentor aufgehängt. In Ungarn werden ebenfalls sieben Verhaftete, alle Militärs, geköpft. Riedel wird zu 60 Jahren (…) erschwerter Kerkerhaft, zum Montecristo-Dasein quasi verurteilt, die meisten anderen zu 30, 15, 5 Jahren. Viele sterben an den Haftfolgen, wie Prandtstätter. 1802 soll eine Amnestie erfolgen, von der nur Riedel ausgenommen ist. Erst die Grande Armée wird ihn 1806 befreien. Er stirbt im Kreis seiner französischen Anhänger 1837 in Paris. Die Anklage lautet in allen Fällen auf Staats- und Landesverrat und auf Beihilfe zu oder zumindest auf Nichtmeldung von staatsfeindlichen Aktivitäten. Es kann jedoch bei den meisten keine Straftat im damaligen juristischen Sinne festgestellt werden. Denn denken und reden – und was anderes hatten die meisten der 50 Verurteilten schließlich auch nicht gemacht – war ja noch nicht verboten, was sich jedoch bald ändern sollte. Fazit der Prozesse: Trotz aller Ungereimtheiten hat Kaiser Franz sein Ziel erreicht, das Exempel ist statuiert, 50 Menschen sind im Kerker und neun ermordet. Metternich lässt schon avant la lettre grüßen. In den nächsten Jahren folgen weitere Prozesse und Hinrichtungen, wie 1796 jene des Offiziers und Kartographen Siegfried von Tauferer. Kein Mensch traut sich mehr, in Wien öffentlich zu politisieren. Und selbst französisch sprechen kann zum Verhängnis werden, wird man doch gleich verdächtigt, ein Spion oder Revolutionär zu sein.

Die letzten Augenblicke von Franz Hebenstreit beschreibt der Mainzer Gesandte von Aland folgendermaßen: „Übrigens hat sich Hebenstreit bei der Exekution ungemein standhaft bezeigt. Die frevelhaften Äußerungen, die er soll getan haben, als ihm das Urteil abgelesen worden, sind sicher falsch. Im Hinausgehen zum Richtplatz hatte er, weil es sehr kalt war, einen sauberen Offiziersmantel à la venetiano umgeschlagen, und auf dem Kopf hatte er seinen noch ganz neuen Offiziershut mit Quasten stark in das linke Auge gedrückt…“ Wien ist in eine Festung verwandelt worden, denn immer noch befürchten die Verantwortlichen einen Aufstand, eine Befreiungsaktion. 1500 Soldaten bewachen das traurige Spektakel und 50 Trommler umringen Hebenstreit für den Fall, er könne aufrührerische Reden halten. Aufstand? Aufruhr? Doch wie schreibt Beethoven schon im Sommer 1794 aus Wien, kurz nach der Verhaftungswelle, an seinen Verleger in Bonn: "Ich glaube, solange der österreicher noch Braun's Bier und würstel hat, revoltirt er nicht."

1848 sollte tatsächlich eine Revolution in Wien ausbrechen – nicht ganz ohne Einfluss von dem, was in den 1790er Jahren passiert ist. Und auch 1848 wird es in Wien zu Hinrichtungen kommen, wie jene von Wenzel Messenhauser und Robert Blum, beide standrechtlich erschossen. Erst als 1918 die Republik ausgerufen wird, bekommt man Einsicht in die Prozessakten rund um die so genannte Jakobinerverschwörung. Die Akten waren bis dahin nirgendwo anders unter Verschluss gewesen, als in den Privatgemächern der Kaiser… Doch wer sah sie ein? Ab den 1960er Jahren einige WissenschafterInnen wie Walter Grab, Alfred Körner, Ernst Wangermann, Edith Rosenstrauch-Königsberg. Und? 1979 hat Conny Hannes Meyer Des Kaisers treue Jakobiner – eine historische Montage für die Wiener Festwochen inszeniert. Das ist nun gut 30 Jahre her – angeblich wurde davon ein Film gedreht. Und seitdem? Manchmal   

 

 

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WEIBLICHER EIGENSINN UND GESELLSCHAFTSPOLITIK

Brigitte LEHMANN, Sibylle SUMMER (Hg)

ISBN 978-3-7035-1571-2

Nach wie vor sind die Widersprüche im weiblichen Alltag Quelle des Widersprechens: Soziale Erfahrungen von Frauen, aus denen heraus gesellschaftspolitische Kritik und politische Forderungen artikuliert werden. Diese Zusammenhänge zu negieren, in der gesellschaftlichen Debatte zum Verschwinden zu bringen, ist allerdings längst Bestandteil des neoliberalen Diskurses. Brüche im Leben von Frauen, aber auch von Männern, werden im Zuge der Wirtschaftskrise zunehmen. Umso wichtiger, dem Begehren nach dem weiblichen Eigensinn weiter nachzugehen. „Etwas anderes“ der selbstverständlichen Privilegierung männlicher Lebensführung entgegen zu setzen.

In diesem Sammelband werden frauenpolitische Themen im Zusammenhang mit gesellschaftspolitischem Wandel und politischen Weichenstellungen diskutiert. Die Themen reichen vom Umbruch der Arbeitsgesellschaft, den Auswirkungen der Krise, der Widersprüchlichkeit von Geschlechterpolitik, einer kritischen Bilanzierung von Gender Mainstreaming, Care Ökonomie, den gesellschaftlichen Bedingungen für Solidarität, prekären Verhältnissen, pragmatischen Utopien, geschlechtergerechtem Wirtschaften bis hin zur Frage nach einem neuem Feminismus.

Mit Beiträgen von Leila Hadj-Abdou, Kornelia Hauser, Helene Klaar, Birge Krondorfer, Ursula Kubes-Hofmann, Ruth Klüger, Andrea Mautz, Gabriele Michalitsch, Ingrid Moritz, Martin Schenk, Christa Schlager, Renata Schmidtkunz, Alexandra Weiss, Christina Wieser.


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