„Jetzt Zeichen setzen!“
Am 27. Jänner 2012 jährte sich zum 67. Mal die Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau. Zahlreiche Gruppen und Organisationen haben sich unter der Plattform „Jetzt Zeichen setzen!“ zu einer Gedenk- und Aktionswoche vom 20.1. – 27.1. zusammengefunden. Näheres unter http://www.jetztzeichensetzen.at/
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Am 27. Jänner 2012, um 10 Uhr, fand am Heldenplatz eine GEDENKVERANSTALTUNG zur Befreiung KZ Auschwitz-Birkenau statt.
Mit: Rudolf GELBARD, Michael BÜNKER, Ariel MUZICANT, Dwora STEIN, u.v.m.
Von Lotte BRAININ wurde eine Rede verlesen:
Es ist ein Zufall, dass ich am Leben geblieben bin und so an den Feierlichkeiten zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz teilnehmen kann.
Hätte der SS-Mann an der Rampe in Auschwitz, nachdem wir aus den Viehwaggons gejagt worden waren, mit dem Finger in die andere Richtung gezeigt, wäre ich, so wie meine Mutter, einige Monate später, gleich in der Gaskammer gelandet, so wie viele meiner Freunde und Millionen anderer, in überwiegender Zahl, Juden, die von den Nazis ermordet wurden.
Mein Leben verdanke ich in erster Linie den vielen Millionen Soldaten der Alliierten Armeen, besonders der Sowjet Armee, die ihr Leben ließen im Kampf gegen das barbarische Naziregime und für die Befreiung von der Naziherrschaft.
Weiters verdanke ich mein Leben der Solidarität vieler Häftlingskameraden und dem Opfermut vieler Häftlinge, die ihr Leben opferten, um andere zu retten.
Ich gedenke der drei Österreicher, Ernst Burger, Rudolf Friemel und Ludwig Vesely, die am 30. Dezember 1944 im Lager Auschwitz öffentlich gehenkt wurden. Sie waren Mitglieder der internationalen Widerstandsgruppe in Auschwitz und an einem leider misslungenen Fluchtversuch beteiligt.
Ebenso gedenke ich der vier jüdischen Heldinnen, die das Sprengpulver aus der hier errichteten Munitionsfabrik geschmuggelt hatten. Sie taten dies mit Hilfe von vielen Mithäftlingen und ermöglichten so den Aufstand des Sonderkommandos und die Sprengung des Krematoriums IV am 7.Oktober 1944. Sie alle wussten, dass diese Aktion ihnen das Leben kosten würde, aber sie wussten auch, dass sie dadurch doch vielen anderen das Leben retten könnten.
Die vier Frauen: Alla Gärtner, Regina Saphirstein, Rosa Robota und Esther Weissblum wurden ausgeforscht, in den Bunker geworfen und nach schrecklichen Martern, ohne ihre Mitverschworenen preiszugeben, öffentlich, vor den Appell stehenden Häftlingen, am 6.Jänner 1945, wenige Tage vor der Befreiung von Auschwitz, gehenkt.
Ich selbst war 1938 von Wien nach Brüssel geflüchtet. Meine Freunde halfen mir das besetzte Österreich so rasch wie möglich zu verlassen, um der Verfolgung durch die Nazis zu entgehen. Als Jüdin und als polizeibekannte Kommunistin war ich doppelt gefährdet.
Um mir meine Flucht zu ermöglichen, verkauften meine Freunde Fredi Rabowski und Fritzi Muzika ihre Habseligkeiten, damit ich eine Bahnkarte nach Köln kaufen konnte. Beide mussten in die deutsche Wehrmacht einrücken und beide wurden wegen Hochverrat zum Tode verurteilt und 1944 im Wiener Landesgericht geköpft. Sie hatten Flugblätter gegen den Krieg verteilt.
Von Köln gelangte ich mit Hilfe meiner beiden Brüder, die schon vor mir geflüchtet waren, nach Brüssel.
Dort wurde ich 1943, bei meiner Widerstandstätigkeit verhaftet und nach siebenmonatigen Gestapo-Verhören, mit allen dazugehörigen Gestapo-Methoden, nach Auschwitz verschickt.
Mein Transport aus Malines bei Brüssel umfasste laut den Auschwitz Heften 655 Personen und kam am 17. Jänner 1944 in Birkenau an. Nach der Selektion bei der Ankunft an der Rampe kamen 140 Männer und 98 Frauen ins Lager. Die restlichen Männer und Frauen wurden sofort in den Gaskammern ermordet.
Der Transport meiner Mutter kam am 7. April 1944 ebenfalls aus Malines in Birkenau an. Von den 989 Personen kamen 206 Männer und 100 Frauen ins Lager. 683 Männer und Frauen wurden sofort in den Gaskammern ermordet.

Lotte Brainin
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Rede von Doron RABINOVICI am 27.1.2012 auf der Bühne auf dem Heldenplatz im Rahmen der von Isolde CHARIM und Gerhard RUISS moderierten Abschlussveranstaltung der Plattform “Jetzt Zeichen setzen!”:
Martin Graf, Parlamentspräsident der dritten Art, behauptet, der Aufmarsch der heimischen Hetzer und der Scharfmacher aus ganz Europa, die Parade von Schlagenden, Auschwitzleugnern und deutsch völkischen Haßpredigern sei ein Ball wie jeder andere. Wir wissen es besser. Der Festzug des Rassismus ist kein unpolitisches Brauchtum. Er ist eine politische Kampfansage gegen ein Europa der Vielfalt und der Menschenrechte.
Die so genannten Germanen, Teutonier oder Olympen nennen sich national, aber sie wollen nicht österreichisch, sondern deutscher als die Deutschen sein. Sie schließen an die Traditionen des Deutschnationalismus an, als hätte Auschwitz nie existiert. Ihre eigentliche Heimat ist das Reich, das 1945 unterging. Die geistlosen Ergüsse dieser Verbindungsbrüder zwischen Rechtsextrem und Neonazismus taugen nicht für das Parkett der Republik. Ihre Absonderungen stammen vom Abort der Vergangenheit, und dort passen sie auch hin. Das eigentliche Vergnügen der Schmißbacken ist die Angstmache. Das altbackene Geschmeiß gehört nicht in die Hofburg. Nicht am 27. Jänner, nicht am 8. Mai und nicht am 1. April. An keinem Tag des Jahres! Die Rechtsrechten haben dort nichts zu suchen.
Martin Graf, der Burschengschaftlhuber der Freiheitlichen, behauptet, seine Burschen hätten sich nichts dabei gedacht, just am 27. Jänner, am Tag der Befreiung von Auschwitz hier anzutanzen. Ich erwarte mir das auch gar nicht. Die denken nicht an die Ermordeten. Ihr Mitgefühl gehört den Tätern. Und wir wissen: Am 8. Mai, am Tag des Sieges über den Nazismus, rufen die Burschenschaften partout auf dem Heldenplatz zur völkischen Trauer. Immer wieder. Just hier. Nicht daß ich ihnen ihr Gejammer nicht gönne. Sollen sie doch ruhig Hitlers Niederlage betrauern. Ihr Reich ist dahin. Sie haben verloren. Sollen sie trauern, aber hier nicht. Nicht hier! Deshalb werden wir an diesem 8. Mai hier sein. Wir werden die Niederlage der Nazis feiern. Wir werden die Niederlage der Spukgestalten von Küssel bis Gudenus feiern. Wir werden hier stehen. Das ist ein Versprechen.
Ballsaison ist Faschingszeit. Und wirklich: Die Maskerade dauert hierzulande seit Jahrzehnten an. Seit 1945: Naziverbrecher werden als honorige Bürger kostümiert, Mordskerle der SS wurden österreichische Spitzenpolitiker, nazistische Wehrsportübungen werden als Jugendtorheit abgetan. Und ein Neonazitreff wird zum Ball in der Hofburg umgeschminkt. Es reicht! Es muß endlich Schluß sein mit diesem Mummenschanz.
Aber um die Burschenschaftler in ihrer Wichs geht es heute gar nicht. Unser Protest zielt gegen jene, die Hofburg und Heldenplatz den Wichsgestalten des Rassismus überlassen. Der Heldenplatz ist ein Symbol. Er ist ein Zentrum österreichischen Selbstverständnisses. Er gilt als der Wiener Ausgangspunkt jener Verbrechen, die später in ganz Europa wüteten. Die Hofburg ist nicht irgendeine Eventlocation. Sie dient der Darstellung dieses Staates. Hier die Führer des rechtsextremen Europa auftreten zu lassen, heißt, ihnen das Feld zu überlassen.
Ich frage: Würde Frankreich solchen Leuten gestatten, sich am 8. Mai, am Tag des Sieges über den Nazismus, vor dem Arc de Triomphe zu versammeln, um ihre Trauer zu bekunden? Sicher nicht. Und es ist richtig so. Oder wäre vorstellbar, daß heute, am Tag der Befreiung von Auschwitz im Élysée-Palast die Front National einen Ball begehen darf? Sicher nicht. Und es ist richtig so. Oder könnte die National Front in London das Schloß Windsor reservieren? Sicher nicht. Oder könnten diese Schlagenden heute ihren Ball im Berliner Schloß Bellevue abhalten? Nein. Sicher nicht. Und das ist gut so.
Ach, wie erstaunt tun doch viele hierzulande, wenn Österreich in internationalen Medien wieder als ein Hort der Vergangenheitsverleugnung dargestellt wird. Aber wer darf sich darüber wundern? Die Republik vergibt ihr symbolisches Zentrum den rechtsrechten Feinden Europas. Die Verantwortlichen für die Hofburg entziehen sich ihrer Pflicht und schützen heuer nicht das Ansehen der Republik. Das ist der Skandal! Dagegen stehen wird da!
Immerhin: Der Protest hat viel erreicht. Dieser Erfolg gehört vor allem den Unentwegten, den Aktivisten und Aktivistinnen des Antifaschismus, die seit Jahren hierher kamen, um in der Kälte auszuharren und gegen den Ball zu demonstrieren. Heuer dürfen wir zum ersten Mal auf dem Heldenplatz und die Burschenschaftler sind zum letzten Mal in der Hofburg.
Die Verantwortlichen versprechen, das soll der letzte Ball der Rechtsextremen in der Hofburg sein. Nun gilt es, zu fordern: Dabei muß es bleiben. Dafür müssen wir sorgen.



